Region vor einem Berg nur schwer zu lösender Probleme

 

Ingmar Niemann sprach in der voll besetzten Rexroth-Kantine über die Perspektiven für die Region Nahost

 
 
(kan) Über die konfliktreichen Verhältnisse und Perspektiven in Israel sprach der Politikwissenschaftler Ingmar Niemann am Dienstagabend in der voll besetzten Kantine der Bosch Rexroth AG in Lohr.
 
 Der Titel des Vortrags: „Jenseits aller Hoffnungen – Perspektiven für Nahost?“  

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Eingeladen hatten ihn der Arbeitskreis auf Burg Rothenfels und die Sparkassen Mainfranken. Eine Studienreise hatte den Arbeitskreis nach im April nach Israel geführt und bei bei den Teilnehmern und bleibende Eindrücke hinterlassen. Deswegen hatte man sich entscheiden, das Thema bei einem Vortrag nochmals zu beleuchten.

Wie groß das Interesse an diesem Thema ist, zeigte sich auch daran, dass der Saal – einschließlich zusätzlich herbeigeschaffter Stühle – voll besetzt war. Niemann gilt als ausgewiesener Kenner der Verhältnisse in der Region und enttäuschte die Erwartungen nicht.

 

Nachdem Niemann die Geschichte des jüdischen Volkes und die Entstehung des Staates Israel dargestellt hatte, wandte er sich dem in der Region seit Jahren schwelenden Konflikt zu. Er resultiert nicht daraus, dass der Staat Israel in dem Land der jüdischen Vorväter entstand, das das inzwischen Palästina hieß und zum weit überwiegenden Teil von Arabern bewohnt war. Die vielleicht einzige realistische Chance für einen haltbaren Frieden zwischen Juden und Palästinensern endete laut Niemann am 4. November 1995 mit der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Itzchak Rabin durch einen jüdischen Fanatiker.

 

Ein palästinensischer Staat, wie er von Politikern gefordert wird, wäre laut Niemann weder politisch noch wirtschaftlich sinnvoll zu verwalten. Grund sei unter anderem die Bevölkerungsverteilung mit einem Flickenteppich aus nicht zusammenhängenden Städten und Siedlungen, immer wieder unterbrochen von jüdischen Siedlungsgebieten. Auf einen solchen Staat könne sich daher nicht einmal der gemäßigte Teil der palästinensischen Politiker einlassen, sagte der Referent.

 

Zankapfel Jerusalem

 

Zu dem Bündel an israelischen Problemen gehört laut Niemann in erster Linie die Hauptstadtfrage. Sowohl Juden wie Muslime beanspruchen aus religiösen Motiven Jerusalem als Ganzes als ihre Hauptstadt. Auch der fortschreitende jüdische Siedlungsbau in Gebieten, die die Palästinenser für den ihnen immer wieder versprochenen eigenen Staat benötigen, sei problematisch. Das gleiche gelte für die ungerechte Verteilung des lebensnotwendigen Wassers. Israel nutzt allein 80 Prozent der gesamten Grundwasservorkommen.

 

Auch die Flüchtlingsfrage ist ein ständiger Diskussionspunkt. Bei der völkerrechtlich gebotenen Rückkehr von 3,7 Millionen palästinensischen Flüchtlingen in das heutige Israel wäre ein jüdisch dominierter Staat nicht mehr zu halten.Die Bevölkerungsentwicklung verschärft laut Niemann alle die Probleme Israels noch. Der Referent sprach von einer „tickenden Zeitbombe“,

Statistisch gesehen haben jüdische Frauen im Durchschnitt 2,7 Kinder muslimische (palästinensische) Frauen gar 3,5 Kinder. Wenn diese Entwicklung sich fortsetze, sei spätestens 2045 der Anteil der palästinensischen und der jüdischen Bevölkerung gleich groß, so Niemann. Dem suche Israel entgegenzuwirken, indem es die jüdische Zuwanderung nach Israel um nahezu jeden Preis fördere.

Keine der vielen gut gemeinten Vorschläge aus dem Ausland ist nach Meinung Niemanns geeignet, das Bündel von Problemen zu lösen. Dass er dennoch wenigstens einen Ansatz zu einer künftigen Lösung sieht, deutete er nur an: Es sei gerade die demographische Entwicklung, die mittelfristig zum Handeln zwinge. Und da ein Palästinenserstaat aus einzelnen verstreuten Gebieten nicht lebensfähig sei, müsse man wohl Grenzveränderungen im Sinne eines Bevölkerungsaustausches ins Auge fassen.

 Theodor Herzls Traum vom „jüdischen Gemeinwesen“ sei jedenfalls mehr als gefährdet.

 

 

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Artikel der Mainpost am 10.11.2010