Zeitungsartikel aus dem Lohrer Echo vom 28.05.2009 von Günter Weislogel

"Wiederaufbau in afghanische Hand"

Vortrag: Brigadegeneral Josef Blotz spricht über die Situation am Hindukusch - Humanitäre Verpflichtung betont

LOHR. Was haben wir in Afghanistan verloren? »Nach Hause gehen wäre falsch, weil wir dort eine Verpflichtung haben«, meinte Brigadegeneral Josef Blotz am Dienstagabend in einem Vortrag vor dem Lions-Club Lohr-Marktheidenfeld und dem Arbeitskreis auf Burg Rothenfels e. V. im Lohrer Sparkassensaal. Aufgabe der internationalen Stabilisierungstruppe (ISAF) in dem 5000 Kilometer von Deutschland entfernten Land sei es, Sicherheit, Stabilität und Wiederaufbau zu erreichen.
Regional-Kommandeur Blotz betonte zugleich die humanitäre Verpflichtung, dort 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung nicht im Stich zu lassen. Da in den deutschen Medien über Afghanistan fast nicht berichtet wird, wenn es keinen Anschlag auf Bundeswehrkräfte gab, wollte Blotz ein differenziertes Bild vermitteln, auch von Fortschritten reden. Er selbst verstand sich während seines halbjährigen Einsatzes 2007 als Regional-Kommandeur für die Nordprovinzen zugleich als Botschafter für 8000 Soldaten, die dort draußen im Einsatz standen.Die Fotos von Menschen, Landschaften und Kabul, die er auf der über zweistündigen Veranstaltung zeigte, gaben vor allem Einblicke in den Alltag der Soldaten, von der Vorbereitung bis zur Totenfeier. Blotz wollte kein Heile-Welt-Bild darstellen, dafür sei die Situation zu  ernst und zu schwierig. Weitergeben hat der Chef der Infanterieschule Hammelburg vor allem Erfahrungen eines Truppenführers, Rahmenbedingungen des Einsatzes und verschiedene Handlungsfelder. Und er behauptete, dass »von der Organisationsseite der Laden wirklich gut läuft«.

"Wir bringen Problem und Problemlöser zusammen" Josef Blotz, Brigadegeneral

80 bis 90 Prozent der Afghanen wollen Sicherheit und Ruhe, Wasser, 24 Stunden Strom, ärztliche Versorgung und Arbeit. Gegner seien vor allem Taliban, die das Land ins Mittelalter zurück bomben möchten, Mujahidin und die organisierte Kriminalität, die ihre Drogen und Erpressergeschäfte betreiben und sich dabei nicht stören lassen wollen. 90 Prozent der Drogen der Welt  kämen aus dem leicht möglichen Anbau in Afghanistan. Josef Blotz machte jedoch deutlich, dass den Drogen und der Korruption im Land mit militärischen Mitteln nicht beizukommen ist. Aber ohne Militär könne man die Sicherheits-Probleme langfristig nicht lösen. Mittlerweile stehen über 4000 deutsche Soldaten in Afghanistan, das Grenzen zu sechs Nachbarländern hat und aus einem Flickenteppich ethnischer Gruppen besteht. Blotz sah sich und seine Leute im Norden des Landes teilweise als »Graswurzeldiplomaten, Klagemauer und Animateure«. In kurzen Videospots zeigte er, wie wichtig die Bildung von dörflichen sozialen Gemeinschaften ist, wie der Brunnenbau hilft und wie begeistert die Einrichtung von Mädchenschulen aufgenommen wird. Der Referent betonte aber mehrfach: »Der Wiederaufbau muss in afghanischer Hand sein«. Und er behauptete auch: »Wir bringen Problem und Problemlöser zusammen.« Dabei verwies er vor allem auch auf die internationalen Hilfsorganisationen. Auch die Rexroth-Stiftung half schon vor Jahrzehnten in bescheidenem Umfang in Afghanistan. Für wichtig und vordinglich hält Blotz die Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte und den Ausbau der Infrastruktur. In die Blotz-Zeit in Afghanistan fiel der Beginn des deutschen Tornado-Einsatzes Er meinte, die internationale Gemeinschaft habe nicht genug Kräfte, um das Land unter Kontrolle halten zu können, aber das sei auch nicht die Aufgabe, die Bedrohungsszenarien sehr unterschiedlich. Blotz versuchte zu sensibilisieren und betonte, dass die »Abziehbilder« nicht stimmen.

USA geben mehr Geld als EU

Es sei nicht so, dass die Amis die Tür eintreten, eine Handgranate hineinwerfen und fragen, was los ist. Tatsache aber sei beispielsweise, dass immer  wieder junge Männer sterben für die Fertigstellung eines mit Siemens-Turbinen bestückten Staudammes, dessen Inbetriebnahme Taliban seit 35 Jahren verhindern. Und Amerika gebe für den Wiederaufbau des Landes mehr Geld als die gesamte Europäische Union zusammen. Sicherheit sei die Voraussetzung für den Wiederaufbau. Allein der Bundeswehreinsatz koste pro Jahr rund 950 Millionen Euro. Viel mehr Mittel als bisher wären für das Land nötig, aber nicht aus dem Topf des Militärs.

General Blotz erinnerte daran, das viereinhalb von fünf Problemen in Afghanistan »nichtmilitärischer Art« seien, dass das Militär aber »für 80 Prozent der Fehlschläge in Haft genommen« werde.

Ausbildung im Lesen und Schreiben

Die Bundeswehr könne beispielsweise nicht gegen das Analphabetentum ankämpfen. Aber die Ausbildung im Lesen und Schreiben müsse mit Hilfe des Korans erfolgen. Eine Verständigung mit der Bevölkerung sei nur mit Hilfe von Dolmetschern möglich, geborenen Afghanen mit deutscher Ausbildung und Staatsangehörigkeit; Viel mehr wären nötig. Trotz aller Skepsis sieht der General beispielsweise das Bohren tausender Brunnen als »Anfang einer guten Entwicklung«, erklärte er auf zahlreiche Fragen in der vom Arbeitskreisvorsitzenden Heribert Brehm geleiteten Diskussion. Die Eröffnung des über Kontakte der Familie Panter vermittelten Vortrags hatte Lions-Präsident Arno Schmitt besorgt. Das Grußwort des Hausherr sprach vor rund 50 beeindruckten Besuchern der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Mainfranken, Dr. Rudolf Fuchs. Günter Weislogel
 

 

 

»Die Lösung muss ein afghanisches Gesicht haben«

Vortrag: Chef der Infanterieschute Hammelburg referiert in Lohr über den Isaf-Einsatz — Sieht kein baldiges Ende

LOHR. Die Lage in Afghanistan ist sehr kompliziert. Und sie sei durch die Entwicklungen der letzten Monate im Nachbarland Pakistan noch komplizierter geworden. Das sagte am Dienstagabend Brigadegeneral Josef D. Blotz (Foto: Weislogel) in einem Vortrag vor dem Lions-Club Lohr-Marktheidenfeld und dem staatspolitischen »Arbeitskreis auf Burg Rothenfels« in Lohr.
Nach Ansicht von Blotz müssten die regionalen Konflikte von den Einheimischen selbst geregelt werden, sonst gäbe es keine Lösung. Die Bundeswehr habe im Norden des Landes trotz der sich mehrenden Anschläge eine Erfolgsbilanz vorzuweisen, und sie befinde sich mit ihrer Hilfe zum Wiederaufbau auf dem richtigen Weg.
Sie müsse mit ihren Verbündeten ein starkes Umfeld schaffen, »so dass wir überflüssig werden«, meinte der Brigadegeneral. Wann die fremden Kräfte allerdings nach Hause gehen können, das wagte auch der Referent nicht zu prognostizieren. Der 52-jährige, General der Infanterie und derzeitige Kommandeur der Infanterieschule im unterfränkischen Hammelburg war vor zwei Jahren selbst Regional-Kommandeur  Nord der multinationalen Stabilisierungskräfte ISAF in Afghanistan.
In seinem Vortrag vermittelte er vor allem Grundstrukturen und Basiswissen. gab Einblicke in die politische und wirtschaftliche Situation des Landes, sprach über die militärische Sicherheitslage und ließ immer wieder die Komplexität des Auftrags durchblicken. »Wir sind erheblich weitergekommen - bei allen Rückschlägen«, behauptete der aus Hadamar im Westerwald stammende studierte Pädagoge, der in seiner fast 35-jährigen Bundeswehr-Karriere 1976 erstmals in Kontakt mit der damaligen Kampftruppenschule in Hammelburg kam und sich nach eigenen  Worten sehr intensiv auf die halbjährige Kommandeurstätigkeit unter dem militärischen Oberbefehl eines amerikanischen Vier-Sterne- Generals vorbereitet hatte.
Er sieht kein baldiges Ende des Afghanistan-Konflikts. Er ist sich aber sicher, dass die Lösung ein »afghanisches Gesicht« haben und dass man in kleinen Schritten realistische Ziele verfolgen muss. Blotz wörtlich: »Das geht nicht in fünf Jahren, da brauchen wir Geduld. Das müssen die Afghanen selbst in den Griff kriegen mit unserer Hilfe«. Dabei ständen nicht klassische Aufgabe der Soldaten im Vordergrund. Geholfen werden müsse unter anderem mit Brunnen-, Brücken- und Schulbauten. Die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) besteht zurzeit aus 42000 Mann, darunter gut 4000 Leute der Bundeswehr. 33 deutsche Soldaten haben dabei bisher ihr Leben verloren.