Rede von Sepp Schinagl zum Jubiläums - Familienfest am 9.10.1999 in der Stadthalle Lohr

50 Jahre Arbeitskreis auf Burg Rothenfels e.V.

 

Der Vorstand des Arbeitskreises hat einstimmig mich damit beauftragt, über den Lebenslauf des Arbeitskreises, von seiner Gründung am 19.10.1949 bis heute zu berichten. Das ist eine Ehre und so schlüpfe ich in die Rolle eines Historikers. Diese liegt mir eigentlich nicht sonderlich. Jedoch ist das Wissen um die Vergangenheit notwendig, um die Gegenwart zu verstehen und einen freien Blick in die Zukunft zu bekommen. Da ich einen Zeitrahmen von maximal 20 Minuten, das heißt 1200 Sekunden einhalten soll, stehen rechnerisch für jedes Jahr nur 24 Sekunden zur Verfügung. Zwangsläufig muss ich mich deshalb auf wenige Schwerpunkte aus 50Jahren Arbeitskreis beschränken. Die Idee zur Gründung des Arbeitskreises entsprang der Liebe und Sorge um unser Vaterland. Aus den Ruinen des Krieges war mit Hilfe der westlichen Besatzungsmächte die freiheitliche Demokratie wiederbelebt worden. Seit dem 23. Mai 1949 hatten wir das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und am 14. August 1949 hatten wir den ersten Bundestag gewählt. Nun kam es darauf an, deren Grundwerte im Volk zu verankern, um demokratisches Bewußtsein und Handeln als staatstragendes Selbstverständnis zu entwickeln. Um der Demokratie eine Breite Basis in den Bürgerinnen und Bürgern zu schaffen, setzten sich Frau Dr. Maria Probst, die neu gewählte Abgeordnete des Bundestages, und gleichgesinnte Freunde das Ziel, eine überparteiliche und überkonfessionelle Bildungseinrichtung zu gründen. Sie folgten damit der Bestimmung des Grundgesetzes: " Die politischen Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit." Da damals wie heute, nur ein kleiner Teil der wahlberechtigten Bevölkerung Mitglieder der politischen Parteien sind, war die Idee von fundamentaler Bedeutung. Die Gründungsversammlung für den Arbeitskreis fand am 19. Oktober 1949 im Landesentlassungs- und Durchgangslager Hammelburg statt. Wer weiß heute noch, dass dieses für 56.000 Kriegsgefangene, deutsche Soldaten die letzte Station vor der Rückkehr in die Heimat und für 220.000 deutsche Vertriebene, die erste Station auf dem Weg zu einer sicheren Bleibe war?

 

Wer war Frau Dr. Maria Probst?

Damals 47 Jahre alt, aus Oberbayern stammend, Mutter zweier Kinder, ausgebombt in Stettin, evakuiert in die Heimat ihres Mannes nach Hammelburg, der bis 1933 Landtagsabgeordneter der Bayerischen Volkspartei war und noch in den letzten Kriegstagen gefallen ist. Großes caritatives Engagement, Mitbegründerin der CSU, am 28.4.1946 in den Bayerischen Landrat und am 14.9.1949 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt.

 

Die Gründungsversammlung am 19. Oktober 1949 zählte 14 Teilnehmer. Von diesen sind uns inzwischen entrissen worden:

Frau Dr. Maria Probst Dr. Willi Ankermüller August Blender Albin Brehm
Hans Full Adam Kaiser Constantin Rachor Anton Reising
Erich Ziegler Hans Wirth    

 

Ich freue mich sehr, dass heute mit uns feiern:

Alfred Biehle Marco Dyga Walter Fetzer Hubert Jagosch.

 

Sie waren damals junge Männer zwischen 23 und 25 Jahren, voller Ideale. In der Versammlung wurde Frau Dr. Maria Probst die Schirmherrschaft angetragen und selbstverständlich angenommen. Als Vorstand wurden gewählt:

1. Vorsitzender:

Landrat Adam Kaiser, Hammelburg

stellv. Vorsitzender:

August Bender, Marktheidenfeld

Geschäftsführer:

Albin Brehm, Lohr

Kassierer:

Walter Fetzer, Lohr

Lehrgangsleiter:

Erich Ziegler, Lohr

Der Auftrag des Arbeitskreises lautete:

Heranbildung sachlich denkender, sachkundiger und verantwortungsbewußter Menschen, die bereit und fähig sind, an der Neuordnung der Gesellschaft und Wirtschaft mitzuwirken. "Gerechtigkeit schafft Frieden".

Damit war die Grundlage dafür geschaffen, durch Idealismus, hohen Zeitaufwand, beständigen Einsatz, und das alles ehrenamtlich, der Demokratie zu dienen und mitzuhelfen, dass sie sich zum Wohle des Volkes weiterentwickelt. Ich versuche nun eine unausgesprochene Frage zu beantworten:

Hat der Arbeitskreis seinen Auftrag in den vielen Jahren größter Veränderungen bestmöglich erfüllt?

Die Vorstandschaft bildete ein gutes Gespann und für den Geschäftsführer Albin Brehm wurde der Arbeitskreis neben Beruf, Familie, CSU, zu einer weiteren zentralen Lebensaufgabe. Wahrscheinlich gehörte sogar seine Liebe, dem Arbeitskreis fast ebenso, wie der eigenen Familie. Landrat Adam Kaiser setzte sich als 1. Vorsitzender bis zu seinem altersbedingten Verzicht auf Wiederwahl im Jahre 1972, insbesondere für den Zusammenhalt und die Anerkennung und Förderung des Arbeitskreises durch Bund und Land ein. Der Arbeitskreis verdankt ihm auch einen raschen Mitgliederzuwachs und die Ausbreitung, wie Ausstrahlung auf die unterfränkischen Kreise. Großes Vorbild war Frau Dr. Probst mit ihrem unglaublich starken Engagement. In den Ämtern bezeichnete man sie als "Maria Heimsuchung". Für die Bedürftigen war sie "Maria Hilf". Von der Gründung an stießen Lehrgänge, Tagungen, Diskussionsrunden und Exkursionen auf ein außerordentlich großes Interesse. Finanziert wurde das Ganze durch Zuschüsse von Bund und Land, davon können wir heute nur noch träumen, Spenden der Wirtschaft und Teilnehmerbeiträge. Erst 1967 wurden Pflichtbeiträge zur finanziellen Absicherung erforderlich. Bereits seit 1956 ist der Arbeitskreis steuerlich als gemeinnützig anerkannt. 1964 gab sich der Arbeitskreis zur rechtlichen Absicherung eine Satzung. Damit änderte sich die Titulierung von "Geschäftsführer" in "Geschäftsführender Vorsitzender". Für Albin Brehm änderte sich jedoch nichts, er war und blieb der Motor des Arbeitskreises. 1967 erfolgte die Eintragung der Satzung in das Vereinsregister beim Amtsgericht Lohr. Am 1. Mai 1967 verstarb unsere Schirmherrin, inzwischen Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Frau Dr. Maria Probst. Sie hatte ihre Kraft für die vielen übernommenen Aufgaben restlos hingegeben. Die zweite und letzte Schirmherrschaft übernahm nominell unser Gründungsmitglied Staatsminister Dr. Willi Ankermüller, München, bis zu seinem Tod im Jahre 1986. Der Nachfolger von Frau Dr. Probst als Abgeordneter des Bundeswahlkreises, unser Gründungs- und Ehrenmitglied Alfred Biehle, ist ohne Schirmherr zu sein, bis heute ein großer Förderer. Auf seine Unterstützung können wir jederzeit zählen. Er hat uns viele Türen zu politischen Gesprächen auf unseren Informationsreisen im Ausland geöffnet. Im Jahre 1972 verzichtet Landrat Adam Kaiser nach 23jährigem Wirken als 1. Vorsitzender, altersbedingt auf eine Wiederwahl. Der Arbeitskreis würdigte seine überragenden Verdienste mit der Ernennung zum Ehrenvorsitzenden. Die Mitglieder haben dann mich zum 1. Vorsitzenden gewählt und ich blieb es 27 Jahre, bis ich im Frühjahr 1999 absolut nicht mehr wollte. Einen besseren Nachfolger als 1. Vorsitzenden wie Herbert Brehm, kann ich mir nicht vorstellen. Albin Brehm blieb, trotz der in den letzten Jahren eingetretenen Sehbehinderung, der unermüdliche Geschäftsführende Vorsitzende bis zum 6. April 1991 und anschließend Ehrenvorsitzender, leider nur wenige Tage bis zu seinem plötzlichen Tod am 26. April.

Aktivitäten des Arbeitskreises

Es wäre ein abendfüllendes Programm, über die Aktivitäten des Arbeitskreises in 50 Jahren umfassend zu berichten. Durch den vorgegebenen Zeitrahmen werden sie davon verschont. Mich strapaziert es aber doch, Wichtiges unangesprochen zu lassen oder nur stichwortartig skizzieren zu können. In den früheren Jahren befassten sich Vorträge, Diskussionen und Exkursionen vorwiegend mit Fragen zur staatlichen Organisation, Arbeitswelt, Teilung Deutschlands, äußere Sicherheit. Dann waren hauptsächliche Themen:

  • Eingliederung der Bundesrepublik in die europäische Gemeinschaft,
  • deutsch - französische Freundschaft,
  • Verteidigungsbereitschaft.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Völkerverständigung zum weiteren Schwerpunkt des Arbeitskreises.

  • Teilnahme an Kongressen und Treffen junger europäischer Demokraten
  • mehrwöchige Veranstaltungen im Rahmen des deutsch-französischen Jugendwerkes in Frankreich
  • Internationale Begegnungen in Südtirol und Österreich
  • Besuche bei Landtag und Bundestag und europäischer Institutionen
  • Informationsreisen mit Flugzeug oder Bus in die meisten europäischen Länder, meistens mit Empfang in der Botschaft und Gesprächen über die Situation des Gastlandes.
  • Besuch von Betrieben und Behörden aller Art
  • Zusammenarbeit mit der Infanterieschule Hammelburg in Vortragsveranstaltungen
  • Öffentliche Veranstaltungen mit Referaten unserer Mitglieder über aktuelle Themen
  • Die jährlichen Familienabende mit etwa 100 Teilnehmern

Ich unterbreche nun die Aufzählung der Aktivitäten, weil es der Daten zu viele sind und spreche unsortiert einiges Besondere an.

  • Die Freundschaft mit Burgeis
    Bei einem Halt einer Gruppe des Kreistages Lohr in Burgeis am 12. Oktober 1969, war diese überwältigt von der herzlichen Aufnahme und betroffen von dem Problemen, mit denen die Südtiroler zu kämpfen hatten, um ihr Deutschtum zu bewahren. Der Arbeitskreis, das Sozialwerk Rexroth, und viele andere Helfer halfen viele Jahre, in einzigartigen Aktionen die schlimme Not zu überwinden. Die Stadt Lohr übernahm die Patenschaft und eigenhändig stellten am 13.5.1972 die Bürgermeister Sepp Peer und Gerd Graf das Patenschaftsschild am Ortseingang Burgeis auf. Zwischen dem Arbeitskreis und Burgeis entstand eine tiefe Freundschaft. Für Albin Brehm wurde Burgeis zur zweiten Heimat. Heute, 30 Jahre später, ist die positive Entwicklung unübersehbar und wir sind froh darüber, dass auch wir einen Beitrag dazu leisten konnten. Glücklich aber sind wir über die bleibende treue Freundschaft mit Burgeis, die in der Anwesenheit von Burgeisern, die inzwischen Mitglieder des Arbeitskreises sind, zum Ausdruck kommt.
  • Die internationale Begegnung in Schlanders/Südtirol im Jahre 1982
    und die hinreißende Rede des Landeshauptmanns Silvius Magnano
  • Die Feierstunde in Lissabon zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990
    und die Worte unseres Mitglieds Rudolf Balles
  • Die Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer für Unterfranken
    in der Gesellenschulung seit 1962, insbesondere mit den zuständigen Vizepräsidenten, unserem Ehrenmitglied Hans Grebner und unserem Vorstandsmitglied Josef Berthold.
  • Die jährlich gemeinsamen Vortragsveranstaltungen mit der Sparkasse Main-Spessart,
    immer vor großem Publikum mit ausgezeichneten Referenten, und die derzeitige Unterstützung durch die Vorstände Heinsch und Kreß.
  • Die Verbundenheit mit den Freunden der Meisterschulen im Bauhandwerk
    und insbesondere mit dem berufenen Ehrenvorsitzenden, unserem Vorstandsmitglied Franz Göpfert.
  • Die Überreichung der Urkunde über die verliehene Ehrenmitgliedschaft
    an unser Gründungsmitglied und Bundestagsabgeordneten Erich Ziegler, der insbesondere in den Aufbaujahren den Arbeitskreis mitgestaltete, wenige Tage vor seinem Tod.
  • Die letzte Teilnahme unseres 95jährigen Ehrenmitglieds Franz Back
    an unserer Familienfeier 1996.
  • Die helle Schadensfreude der Reisegruppe, als ich in Oxford
    über einen Aufschrei unserer Reiseführerin zusammenzuckte, weil ich einen Professorenrasen betreten hatte.
  • Die Treue der Abgeordneten von Bundestag und Landtag und Repräsentanten
    von Bezirk, Landkreisen, Städten und Gemeinden zum Arbeitskreis.
  • Die gemeinsamen Vortragsveranstaltungen bei der Infanterieschule in Hammelburg
    unter den Generälen Ohm und Schötensack.

Ich könnte noch lange fortfahren, es tut mir deshalb sehr Leid jetzt aufzuhören.

Zusammenfassung

In meinem Bericht ist vielleicht zu kurz gekommen, dass alle Aktivitäten des Arbeitskreises Gemeinschaftsleistungen waren und sind. Der langjährige 2. und jetzt 3. Vorsitzende Albrecht Braun, der neue 2. Vorsitzende Michael Kreß, der Schatzmeister Rudolf Bernard und ihre jeweiligen Vorgänger haben ebenbürtig mitgewirkt. Das gilt natürlich auch insbesondere für den bisherigen 3. Vorsitzenden und neuen 1. Vorsitzenden Herbert Brehm. Auch alle ehemaligen und jetzigen Kollegen im erweiterten Vorstand haben einen unverzichtbaren Anteil daran, dass der Arbeitskreis nach 50 Jahren noch quicklebendig ist. Das wichtigste ist aber, dass unsere 160 Mitglieder immer treu zum Arbeitskreis gestanden haben und darüber hinaus in großer Freundschaft miteinander verbunden sind. Sie sind darüber hinaus die Multiplikatoren unserer Idee. Weitere Interessenten für eine Mitgliedschaft gibt es genug, der Belastbarkeit durch ehrenamtliche Tätigkeit sind jedoch zwangsläufig Grenzen gesetzt. So wird der Arbeitskreis wohl einmalig sein und bleiben. Privatfinanziert, nur von Beiträgen und Spenden getragen, der Demokratie und Völkerverständigung dienend. Auch wenn die Welt großen Veränderungen unterworfen ist, sind grundsätzliche Gedanken, wie nachfolgende von Frau Dr. Probst aus den 60er Jahren unverändert aktuell.

"Die Welt war, ist und bleibt unvollkommen. Die freiheitliche Demokratie auf christlicher Basis mit sozialer Marktwirtschaft, ist für die breite Bevölkerung der einzige Garant für eine menschenwürdige Zukunft."

Der Arbeitskreis wird sich dafür beharrlich einsetzen.