Günter Weislogel - Lohrer Echo, 20.05.2011

Heidenaufwand für Centbeträge

 

 

Vortrag: Bundestagsabgeordneter Wolfgang Zöller spricht beim »Arbeitskreises auf Burg Rothenfels« über Patientenrechte

 

Lohr »Wir werden das mehr als notwendige Patientenberatungsgesetz noch in diesem Jahr bekommen.« Das versprach der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Bundestagsabgeordneter Wolfgang Zöller (CSU), am Dienstag bei einem Vortrags- und Diskussionsabend des »Arbeitskreises auf Burg Rothenfels« im Sparkassensaal.
Über die damit angestrebten Verbesserungen hinaus nannte der Gesundheitspolitiker vor rund 50 Besuchern konkrete Vorhaben, die den kranken Menschen auf dem Weg im deutschen Gesundheitsdschungel nutzen sollen. So werde sich die ärztliche Versorgung auf dem Lande verbessern müssen. Dabei würden sich unter anderem die ärztlichen Notdienste ändern und stationäre Einrichtungen stärker einbezogen werden.

Schwächen und Fehlentwicklungen des Systems sowie Mängel in der ortsnahen Versorgung bekam der Gesundheitspolitiker vor allem vom Sendelbacher Apotheker Konrad Porzelt vorgehalten. Der Patient stehe längst nicht mehr im Mittelpunkt, machte der Apotheker anhand der Auswirkungen von Rabattzwängen und bundesweiten Windelausschreibungen deutlich. Es entstehe ein Heidenaufwand, damit Kassen Centbeträge sparten.


Viele Medikamente weggeworfen

Meinungsverschiedenheiten gab es unter anderen, weil Zöller behauptete, dass jährlich Medikamente für vier Milliarden Euro (von 31 Milliarden Ausgaben) von Patienten ungenutzt weggeworfen würden und erheblicher Missbrauch mit Gesundheitskarten getrieben werde. Zöller: »Sie fahren alle Sozialsysteme an die Wand, wenn die Moral nicht stimmt.«


Der Abgeordnete verlangte immer wieder, dass die Bedürfnisse der Patienten künftig stärker berücksichtigt werden müssten. So dürften Fachärzte nicht nur in den Zentren ihre Leistungen anbieten, sondern müssten dies auch mehr in Gemeinden tun. Dabei verwies der Redner auf bereits erfolgte und noch angestrebte Neuregelungen, zum Beispiel in der Krankenhaushygiene. Es könne nicht hingenommen werden, dass 8000 bis 15 000 Menschen im Jahr wegen Hygienemängeln in Krankenhäusern sterben würden.


Auch auf dem Land verlangte Zöller eine medizinisch optimale Betreuung der Menschen. Dies bedeute unter anderem den Abbau von Überversorgungen in den Städten und Entbürokratisierung der ärztlichen Arbeit. Die Wartezeiten auf Facharzttermine seien nicht mehr hinnehmbar. Schönheitsoperationen bei Jugendlichen müssten verboten werden und es müsse verhindert werden, dass Menschen »versaut« würden. Abgestellt werden solle auch, dass 70 Prozent der Kuren erst nach Widersprüchen genehmigt würden.
Zöller setzt viele Hoffnungen in das seit 15 Jahren angestrebte Patientenrechtgesetz, das ihm besonders am Herzen liegt. Denn 61 Prozent der Patienten wüssten nicht über ihre Rechte gegenüber Arzt und Krankenkasse Bescheid. 55 Prozent sei nach Umfragen nicht bekannt, dass sie Wahlleistungen bezahlen müssten, und 37 Prozent fühlten sich über Nebenwirkungen von Medikamenten nicht aufgeklärt.
Vor drei Wochen sei das Eckpunktepapier für das Patientenrechtgesetz vorgestellt worden. Gefordert werde von den Ärzten unter anderem eine Erörterung von Alternativen und die gemeinsame Festlegung der Therapie, die der Patient zu ertragen habe. Statt über elfjährige Prozesse forderte der Patientenanwalt gestärkte und zeitnah arbeitende Schlichtungsstellen, bei Schadenersatzprozessen Spezialkammern für medizinische Fälle. Entwarnung gab Zöller bei der Belastung von Rentnern durch Zusatzbeiträge: »Wenn jemand nur 800 Euro Rente bekommt, hört der Zusatzbeitrag bei acht Euro auf.«