Arbeitskreis auf Burg Rothenfels besuchte das Bezirkskrankenhaus Lohr.

 

104 Jahre im Dienst psychisch kranker Patienten

Seine zweite Betriebsbesichtigung in diesem Jahr unternahm in der vergangenen Woche der Arbeitskreis auf Burg Rothenfels im Bezirkskrankenhaus am Sommerberg. Edgar Schuhmann führte die interessierten Teilnehmer durch einen Teil des Krankenhausgeländes und gab Erläuterungen zur Geschichte der Einrichtung und hatte viele Fragen zu beantworten.

Im 19. Jahrhundert hatte man "Irrenhäuser" noch in Schlössern oder säkularisierten Klosteranlagen untergebracht, die dafür eigentlich nicht gebaut waren. So auch in Werneck. Das Schloss Werneck war aber um 1900 an die Grenzen seiner Aufnahmekapazität gelangt. Ein zweites Krankenhaus wurde erforderlich.

Lohr sei als Standort  damals keineswegs die erste Wahl gewesen, erläuterte Schuhmann. Im Gespräch waren unter anderem Kitzingen und Hafenlohr. Vor allem sprach gegen Lohr, dass hier für den Erwerb des erforderlichen Geländes über 20 Eigentümer unter einen Hut gebracht werden mussten. Das gelang jedoch mit  Unterstützung durch die Stadt Lohr, die das Projekt von da an förderte und dafür sogar Pläne für ein Industriegelände im dortigen Bereich aufgab.

Von den  rund 600 Patienten, die hier untergebracht werden sollten, versprach man sich für die Stadt auch wirtschaftliche Vorteile.  Den Ausschlag  für den Standort Lohr gab schließlich, dass es dem Bezirk Unterfranken gelang, eine  Quelle zu erwerben, deren Schüttung ausreichte, das  Krankenhaus zu versorgen. Der Bau einer Wasserleitung von Rechtenbach  nach Lohr war dann auch die erste Baumaßnahme.

 

Die zweite unterfränkische "Heil-und Pflegeanstalt", wie sie damals hieß, wurde 1912 als weitläufige Anlage  im sogenannten Pavillon-Stil nach den Plänen des Architekten Fritz Gablonsky errichtet. Hier waren in einem baumbestandenen Park die Patienten nicht in einem einzigen großen Komplex untergebracht, sondern in einzelnen Häusern. Dazu kamen ein Verwaltungsgebäude, Versorgungseinrichtungen wie eine zentrale Küche, Werkstätten der verschiedensten Art und ein Gutshof mit rund 60 Kühen sowie eine Gärtnerei. Damit konnte sich  das Krankenhaus nicht nur weitgehend selbst versorgen. Hier fanden die Patienten, die hier oft jahrelang behandelt wurden,  auch Beschäftigung. Das Wort "Arbeitstherapie" wurde damals groß geschrieben.

Um einen kleinen Platz gruppieren sich die Wohnhäuser für die Ärzte und Verwaltungsbeamten. Die Häuser auf dem Gelände sind durch  unterirdische Versorgungsgänge miteinander verbunden. Die Anlage galt als Muster-Heil- und-Pflegeanstalt, die viele Fachleute aus dem In- und Ausland zur Besichtigung anzog. Heute stehen die Gebäude aus der Gründerzeit der Anstalt unter Denkmalschutz.

 

350 psychisch kranke Menschen wurden nach der Fertigstellung in Sonderzügen von Werneck nach Lohr überführt.

 Im selben Jahr entstand auch die Kirche St. Elisabeth in neobarockem Stil . Da sie von beiden Konfessionen für ihre Gottesdienste benutzt wird, gab es von Anfang an zwei Sakristeien. Die Kirche war und ist im Winter geheizt - damals eine große Ausnahme. Die jüdischen Patienten hatten ihren eigenen Gebetsraum. Außerdem war ihre Versorgung mit koscherem (den jüdischen religiösen Speisevorschriften  entsprechendem) Essen sichergestellt.

Eine wichtige Funktion über das Bezirkskrankenhaus hat auch der Festsaal neben der Kirche Bis in die Nachkriegsjahre war er der einzige größere Saal in Lohr. Hier fanden Theateraufführzungen der Lohrer Vereine statt. Heute dient er ärztlichen Kongressen und Festveranstaltungen

 

Im Laufe der letzten fast hundert Jahre  hat sich nicht nur auf dem medizinischen Sektor viel geändert. Schuhmann, der selbst 38 Jahre lang für die Energieversorgung zuständig war, erläuterte den Besuchern den Wechsel von der Kohle über Öl und Gas bis zur modernen Hackschnitzelheizung, der sich im Lauf der Jahrzehnte vollzog, und auch die Einrichtung zur Notstromerzeugung, wenn einmal das externe Stromnetz ausfallen sollte.

 

Zum Abschluss der Besichtigung stärkten sich die Teilnehmer noch im Café der Lohrer Selbsthilfe  mit Kaffee und Kuchen.

 

 

Karl Anderlohr, Mainpost, September 2016