Euphorie in Kroatien ist verflogen

 

Bildungsfahrt: Arbeitskreis auf Burg Rothenfels besuchte auch Montenegro und Bosnien-Herzegowina

 

 Lohr   Im Jahr der Europawahl besuchte der Arbeitskreis auf Burg Rothenfels Kroatien, das seit 1. Januar 2014 Mitglied der Europäischen Union ist, und die Beitrittskandidaten Montenegro und Bosnien-Herzegowina.

 

 

 

 

 

Noch am Anreisetag konnten sich die Teilnehmer bei einer Stadtrundfahrt ein erstes Bild von der Hauptstadt Zagreb machen, deren Kirchen, öffentliche Bauten, Straßen und Plätze weitgehend die jahrhundertelange Zugehörigkeit Kroatiens zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie spiegeln. Noch deutlicher wurde das in Varasdin. Auch die größte Wallfahrtsort Kroatiens, Marija Bistrica, wurde besucht. Dazu gab es eine Fahrt in das Weinbaugebiet Plesivica nördlich von Zagreb mit Weinprobe.
Komplizierte Geschichte
In die komplizierte Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens und seiner Nachfolgestaaten führte Jürgen Roban, Pressereferent der deutschen Botschaft in Zagreb, im Saal des benachbarten Goethe-Instituts ein. Kroatien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina waren Teile des Vielvölkerstaats, der durch seinen Präsidenten Josip Broz Tito mit viel diplomatischem Geschick, aber auch mit eiserner Faust zusammengehalten wurde.
Nach Titos Tod löste sich Jugoslawien auf - beschleunigt, nachdem die latente Bedrohung durch die Sowjetunion weggefallen war. Nach einem Krieg um die Unabhängigkeit und jahrelangen zähen Verhandlungen ist Kroatien EU-Mitglied.


Die großen Erwartungen, mit denen das Land seine Aufnahme in die Europäischen Gemeinschaften betrieb, seien aber schon bei diesen Verhandlungen weitgehend geschwunden. »Die Euphorie ist weg«, sagte Roban.

Bei einer Arbeitslosenquote von 30 Prozent und einem Durchschnittseinkommen von 800 Euro sei den meisten Menschen klar, dass es noch lange dauern werde, bis man Anschluss an andere europäische Staaten finden werde.
Trotzdem gebe es kaum Gegner des EU-Beitritts im Land. Die Kroaten sähen ihren Beitritt als Reintegration in einen Kulturkreis, dem sie sich immer angehörig fühlten. So kam es, dass beim entscheidenden Referendum zwar 70 Prozent der Abstimmungsberechtigten für den Beitritt waren, aber bei einer Beteiligung unter 50 Prozent.


»Jugo-Nostalgie«


Das Verhältnis zu den anderen ex-jugoslawischen Ländern ist differenziert, teilweise auch schwierig. Der Krieg, in dem sich teilweise Menschen plötzlich als Feinde gegenüberstanden, die vorher jahrzehntelang gute Nachbarn waren, wirkt immer noch nach. Zwar gebe es auch eine gewisse »Jugo-Nostalgie«, aber eher als romantische Vorstellung und nicht als reales politisches Ziel.


Einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Kroatiens mit seiner langen Adriaküste und den zahllosen Inseln ist nach wie vor der Fremdenverkehr. Diesen Teil des Landes lernten die Mitreisenden in der zweiten Hälfte der Informationsreise kennen. Ein ganzer Tag galt Dubrovnik, dem ehemaligen Stadtstaat Ragusa, dem es dank geschickter Diplomatie und wehrhafter Stadtmauern über die Jahrhunderte gelang, die Unabhängigkeit gegenüber der mächtigen Seerepublik Venedig und den osmanischen Sultanen zu verteidigen.
Auf den ersten Blick konnte man meinen, Dubrovnik habe den letzten Krieg unbeschadet überstanden, aber viele Dächer sind neu gedeckt und in den Gassen weisen Bilder immer wieder auf das Ausmaß der Zerstörungen hin. Der rasche Wiederaufbau - nötig im Interesse des Fremdenverkehrs und damit des wichtigsten Wirtschaftszweiges - wurde von der Europäischen Gemeinschaft gefördert.


Untergebracht war die Gruppe in der Nähe der Stadt. Das Hotel »Albatros« liegt in der Nähe von Cavtat, einem typischen Adriastädtchen. Von dort aus fuhren die Teilnehmer am sechsten Tag nach Montenegro. Viele machten erstmals seit Jahren wieder einmal die Erfahrung eines Grenzübergangs mit Pass- und Zollkotrolle, denn Montenegro gehört nicht zur EU. Vom Land der »Schwarzen Berge« (das bedeutet der Name Montenegro) erlebte man aber nur die Orte an der Küste, vor allem die alte Hafen- und Handelsstadt Kotor und Budva, einen der ältesten Orte an der Adria.


Um Jahrhunderte zurückversetzt

Montenegro war zwar am letzten Krieg beteiligt, aber nicht betroffen, im Gegensatz zu Bosnien-Herzegowina, dem letzten Ziel der Reise. In der kleinen Stadt Pociteli mit einer imposanten Festungsanlage, Kirche und Moschee fühlte man sich um Jahrhunderte zurückversetzt in die Zeit, als diese Gegend zum osmanischen Reich gehörte.
Noch deutlicher verkörpert Mostar den multikulturellen Charakter Bosnien-Herzegowinas. Zwar ist auch dort die Altstadt wieder weitgehend hergestellt und die berühmte Brücke wieder aufgebaut, aber in den Seitengassen und vor allem am Rand der Altstadt zeugen Ruinen, Gräberfelder und Einschusslöcher vom Krieg, der viele Menschen traumatisiert hat.


Auf der Rückfahrt vom Flughafen Frankfurt nach Lohr dankte der Vorsitzende Herbert Schuhmann seinem Vorgänger Herbert Brehm, der mit dem Reisebüro Panter die Informationsfahrt geplant und vorbereitet, und Andreas Johannsen, der sie begleitet hatte.

 

Redaktion des Lohrer Echos vom 04.06.2014