Kooperation statt Konfrontation

 

Zukunftsforschung: Wohlstand hängt laut Wirtschaftswissenschaftler Erik Händeler künftig von Sozialverhalten und Kommunikation ab

 

 

Der Wohl­stand von mor­gen hängt ent­schei­dend vom So­zial­ver­hal­ten heu­te ab. Die­se The­se ver­t­rat der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Pu­b­li­zist Erik Hän­de­ler am Don­ners­tag bei der tra­di­tio­nel­len Herbst­ver­an­stal­tung der Spar­kas­se und des staats­bür­ger­li­chen Ar­beits­k­rei­ses auf Burg Ro­then­fels. Rund 320 Zu­hö­rer wa­ren da­zu ins Rex­roth-Be­triebs­re­stau­rant ge­kom­men.

 

Wissen ist nach Händelers Ansicht nicht das Problem der Wissensgesellschaft, denn es sei im Überfluss vorhanden. Es komme vielmehr darauf an, wie das angehäufte Wissen verarbeitet und möglichst effizient angewandt werde. Das wiederum sei abhängig vom Sozialverhalten der Menschen und einer kooperativen Arbeitskultur.
Computereinsatz ausgereizt
In den letzten 30 bis 40 Jahren hat der Computer nach Händelers Worten das Arbeiten produktiver gemacht. Die meiste Arbeit, die Computer erledigen könnten, hätten sie den Menschen bereits abgenommen. Es lohne sich also kaum, in noch mehr Computerisierung zu investieren.
Damit gehe der fünfte langfristige Kondratjew-Zyklus  in den Abschwung über. Der nächste Wirtschaftszyklus werde von Sozialverhalten, Bildung, Kommunikation und geistiger wie sozialer Gesundheit geprägt - zusammengefasst: von der Art und Weise der Wissensverarbeitung.


Die »Industrie 4.0« ist nach Händelers Überzeugung zwar wichtig, »aber nicht der große Boom«. Jeder langfristige Wirtschaftszyklus werde von einer Knappheit ausgelöst. So habe die Knappheit an mechanischer Energie zur Erfindung der Dampfmaschine (erster Zyklus) und der Mangel an Beförderungsmöglichkeiten zur Konstruktion der Eisenbahn (zweiter Zyklus) geführt.
»Meine These ist, dass die neue Knappheit darin besteht, dass vorhandenes Wissen nicht ausreichend effizient genutzt wird«, unterstrich Händeler. Denn der größte Teil der Arbeit werde künftig Gedankenarbeit sein.


Diese könne man nicht wie mechanische Arbeit (»grab dort ein Loch«) von oben herab befehlen. Mobbing, »innere Kündigungen«, Konflikte zwischen Alt und Jung kosteten Wirtschaft und Gesellschaft große Summen. Eine effiziente Nutzung des Wissens werde »Firmen radikal verändern«.
Die Wirtschaft werde so komplex, dass die einzigen, die sich noch auskennen, nach Händelers Worten unten sitzen werden. Die Aufgabe der Chefs werde es sein, Ressourcen zu moderieren und dafür zu sorgen, dass auf den Stellen die richtigen Leute säßen.
»Der Informationsfluss kehrt sich um«, so der Wissenschaftler. Es werde darauf ankommen, wer in der Firma der Chef sei: der Chef oder die Wirklichkeit. »Je statusorientierter ein Unternehmen ist, desto weniger wird es diese Herausforderung bewältigen können«, prophezeite Händeler.
Reibungsverluste verringern
Nach seiner Überzeugung werden die Firmen, Regionen und Kulturen im internationalen Wettbewerb vorne sein, »die geringere Reibungsverluste haben«. Alle Länder kämen unter Druck, effizienter mit Wissen umzugehen.
Aber diejenigen mit einer kooperativen Kommunikation und einer »Universalethik«, die nicht nur Einzel- oder Gruppeninteressen begünstige, kämen damit besser zurecht. Die Kultur mache den ökonomischen Unterschied.

 


Nach dem furiosen Vortrag Händelers sah sich Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Bernd Fröhlich in seiner Warnung zu Beginn an die Zuhörer bestätigt, sie sollten sich »anschnallen«. Er rief mit einem Satz von Winston Churchill dazu auf, Vorausplanen an die Stelle von Zukunftsängsten zu setzen.

 

Rudolf Fuchs, 2. Vorsitzender des Arbeitskreises auf Burg Rothenfels, nannte den Vortrag ein »Feuerwerk«. Er habe daraus mitgenommen, »dass wir sicherlich mehr Führung mit sozialer Kompetenz brauchen«.

 

 Lohrer Echo:im November, Thomas Josef Möhler